Ein Besuch in Celle

Es ist später Vormittag, als ich in den Bus einsteige. Dieselbe Buslinie mit der ich schon zur Schule gefahren bin. 5,20€ pro Fahrt. Dafür bekommt man in Hamburg eine Tageskarte…

Die sommerliche Landschaft des südlichen Niedersachsens zieht wie in einem Film am Fenster vorbei. Kleine Dörfer in denen sich das Leben in den letzten Jahrzehnten kaum geändert hat, Felder voll mit golden leuchtendem Weizen. Die Anzahl der Maisfelder ist höher geworden. Und hinter den Ställen von so manchem Bauernhof ragen die silbernen Kuppeln der Biogasanlagen hervor, die mit diesem Mais betrieben werden. In mir kommt die Frage auf, ob das alles wirklich so nachhaltig ist…

Felder in der Nähe von Celle

Zwischen den Dörfern liegen unzählige Wiesen und Wälder, wenn man möchte kann man sogar von Hamburg nach Celle laufen. Es gibt da einen ausgezeichneten Wanderweg. Der so genannte Heidschnuckenweg wurde erst in den letzten Jahren ausgebaut und beworben. Er ist ausgezeichnet beschildert und auf der Webseite gibt es neben Karten der Streckenabschnitte sogar GPX-Dateien für das GPS-Gerät zum runterladen. Top!

Falls Du diesen Weg laufen willst schreib mich an und ich werde Dich mit dem ein oder anderen Insider-Tipp beglücken.

Fest steht allerdings, dass ein Abstecher nach Müden gemacht werden muss. Ein Besuch bei Ole Müllern Schün ist Pflicht. Ein Bauerncafé in einem alten Bauernhaus, gelegen an einer kopfsteingepflasterten Straße. Dort gibt es Kaffee und Kuchen. Und was für Kuchen und Torten!

Während ich über Kuchen und Torten sinniere kommt der Bus am Schloßplatz in Celle an. Ja, Celle hat ein Schloß. Es ist eine alte Herzogstadt der Herzöge von Sachsen-Wittenberg.

Die Herzöge sind weg, das Schloß steht noch. Jetzt wird es für Theatervorstellungen genutzt und steht in einem schönen Schloßgarten umgeben von einem Schloßgraben. Es ist nicht das einzige pittoreske was Celle zu bieten hat: die gesamte Altstadt besteht aus Fachwerkhäusern. Während meiner Schulzeit rasten immer mal wieder Busse voller Asiaten an, spuckten diese samt ihrer Kameras aus und sammelten sie kurze Zeit später wieder ein. Ein weiteres Häkchen auf der Tour “Europa in viereinhalb Tagen”.

Hopfen und Malz, Gott erhalts!

Heute treffe ich keine Asiaten, dafür haufenweise Rentner mit ledriger Haut. Es scheint als ob in Celle die Generationen zwischen zwanzig und sechzig fehlen. Einfach fehlen. Man sieht Großeltern mit ihren Enkel an der Hand. Aber die Eltern? Weg. Vom Erdboden verschluckt! Die Erklärung, dass ein normaler Wochentag ist erscheint mir hierfür deutlich zu einfach.

Seit meinem letzten Besuch in Celle hat sich viel getan. Damals standen recht viele Geschäfte leer. Das ist nicht mehr so. Dafür haben unzählige asiatische Imbisse aufgemacht. Ob das die Asiaten aus den Bussen von früher sind?

Der Platz vor Karstadt ist in meinem Hirn eng verknüpft mit Panflötenmusik. Früher in den Achtzigern standen hier immer Südamerikanische Indios und flöteten um die Wette. In den Spätachtzigern kam dann der CD- und Kassettenverkauf hinzu. Wer in der Fußgängerzone nicht genug Pangeflötet wurde konnte sich auf der Rückfahrt die volle Dröhnung geben. Heutzutage bezeichnet man sowas als “Legal Highs” glaube ich.

Ich gehe zu einem dieser Asiatischen Imbisse um Mittag zu essen. Bereits als die Vorsuppe kommt bereue ich meine Entscheidung: rotglibbrige Pampe mit undefinierbarem Zeug drin. Konsistenz zwischen Wackelpudding und Dickmilch. Hong-Kong-Art. Soso. Dann Hauptgang: die tot-mumifizierte Ente schwimmt in salziger Sojasauce. Selbst das Gemüse ist kaum genießbar. Eigentlich liebe ich Asiatisch. Nur vor den Lieferdiensten habe ich Angst. Die wissen halt, dass man den Deckel erst anhebt nachdem sie weg sind…

Symmetrie im französischen Garten in Celle

Ich lasse den Großteil der Portion stehen, zahle und gehe Richtung französischer Garten. Ja, ja, Frankreich. Da haben die Herzöge bestimmt hingeschielt denk ich mir. Und wenn sie schon nicht genug Geld für ein zweites Versailles aufbringen konnten, dann muss es wenigstens für einen französischen Garten reichen.

Der Garten ist wunderschön. Ein riesiger Springbrunnen in der Mitte und eine Allee welche die Herzen von symmetrieverliebten Menschen höher springen lässt. Zum Fotografieren ist der Garten super. Aufgrund der Mittagszeit sind die Kontraste zu hoch: ich muss auf jeden Fall noch einmal frühmorgens oder spät abends herkommen beschließe ich sogleich.

Französischer Garten

Vom französischen Garten geht es zurück zum Schloß, durch den Schloßpark Richtung Bahnhof. Ein graues Amtsgebäude hat es mir angetan. Ich bleibe stehen und warte um einen Radfahrer genau an der richtigen Stelle im Bild zu erwischen. Manchmal bleibe ich minutenlang stehen um ein einzige Foto zu machen. Während ich wartend durch den Sucher blicke höre ich ein Auto neben mir. Na, klar! Da will jemand auf dem Bürgersteig parken. Genau da wo ich stehe. Ich schau die Frau irritiert an. Wie wild fängt sie an rum zu gestikulieren.

Wieso glauben eigentlich Autofahrer sich immer das Recht raus nehmen zu können andere Leute ohne Auto zu bevormunden und herum zu scheuchen?

Amtsgebäude

Sie kurbelt die Scheibe runter und sagt was von “Umzug”. Ich brummel etwas in meinen Bart, doch da kommt schon der Fahrradfahrer auf den ich gewartet habe. Schnell blicke ich wieder durch die Kamera, mache mein Bild und gehe weiter.

Mittlerweile ist es nach vier. Ich schaue auf meinem Handy im Fahrplan. Der nächste Bus fährt um fünf. Der danach kurz vor acht. Mann, mann, mann! Ist der Fahrplan beschissen. Was bin ich von Hamburg verwöhnt. Ich beschließe den nächsten Bus zu nehmen und bald wieder zu kommen. Es gibt hier noch ‘ne Menge Ecken, die einen Besuch wert sind.