Ein Besuch in Sarieyer

Nichts ist bei 39° im Schatten so erfrischend wie sich als Westeuropäer ängstlich an einer Stange festzuklammern. In diesem Minibus, in dem man gerade steht. Währen der Busfahrer dieses kleinen Gefährts wild hupend über die Autobahn brettert. Mit 90 Sachen, rechts überholt, sich dazwischen drängelt. Das alles bei offener Tür versteht sich. Und natürlich telefoniert der Fahrer. Und wenn er nicht telefoniert, dann schreibt er Nachrichten auf dem Handy. Bei jedem Ding das sein Handy von sich gibt, bete ich innerlich: “Schau jetzt nicht rauf, schau, jetzt nicht rauf.”

Minibus fahren in der Tuerkei

Mit einer Hand klammere ich mich stehend am Vordersitz fest, mit der anderen halte ich meine Nikon aus dem Fenster und fotografiere. Alle Welt, denkt an die Gefahren in der Türkei, Terroranschläge und so weiter. Das einzige wovor ich Sorgen habe ist aus diesem Bus geschleudert zu werden oder auf eine andere Art in die Verkehrstotenstatistik der Türkei einzugehen: falls diese überhaupt existiert. Es ist mittags. Der Schweiss rinnt an mir herunter, tropft von meinem Gesicht. Genau die falsche Zeit für den kleinen Besuch den ich Sarieyer abstatten möchte. Mein Mitbewohner (Ich wohne für ein paar Tage in einer kleinen WG mit einem in der Türkei geborenen Syrer zusammen.) hat mir dieses kleine Dörfchen empfohlen. Kleine Gassen und Fischrestaurants. Seinen gut gemeinten Rat “Dont walk Bro! Its too hot!” hab ich noch im Hinterkopf. Der Minibus holpert und rast an riesigen Wolkenkratzern vorbei die sich wie mahnende Finger in den blauen Himmel bohren. Das scheint das Finanzviertel zu sein. An zwei Wolkenkratzer übergroße türkische Flaggen auf denen die Märtyrer verzeichnet sind.

Fahnen mit Namen von Maertyrern an Hochhaeusern

Der Minibus Fahrer hält immer wieder abrupt hupend an und Leute steigen zu oder aus. Manchmal hält der Bus nichtmal richtig an. Es scheint hier das normalste der Welt zu sein aus Fahrenden Bussen zu springen. Als die Hochhäuser vorbei sind beginnt ein Waldgebiet – die Luft ändert sich schlagartig. Es ist ein wenig kühler und riecht nach dem trockenen Harz von Nadelbäumen. Ein Geruch wie man ihn auch in Wäldern in Deutschland findet. Ich mag diesen Geruch.

Das grünbraun der Bäume wird plötzlich durch das türkisblau des Bosporus ersetzt. Noch eine Kurve, Fischerboote, die vor sich hinschaukeln und schon sind wir in Sarieyer angekommen.

Schnell springe ich aus dem Bus und bin froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich komme mir vor wie der bescheuerte Westeuropäer, der ich bin: jetzt spazieren zu gehen.

Bei einem freundlichen alten Türken kaufe ich Wasser in einem kleinen Laden. Ach, diese kleinen Läden. Es gibt hier keine Supermärkte – zumindest ist es mir nicht aufgefallen. Aber überall gibt es diese kleinen Läden die alles anbieten was man zum Leben braucht. Es ist immer eine Mischung aus Zeitungskiosk, Tante-Emma-Laden und Treffpunkt. Eine großartige Mischung. Der Alte spricht ein paar brocken Deutsch, ein paar mehr Brocken Englisch. Wir kommen ins Gespräch. Es ist erstaunlich wieviel man sich zu erzählen hat auch wenn man die Sprache des Gegenüber nichtmal ansatzweise versteht. Hier ist das zum Glück anders. Er ist zur See gefahren, war in Bremerhaven. Sein vor alter zerfurchtes Gesicht strahlt. Auch die aktuelle Lage schneiden wir an. Hoffentlich wird alles gut, meint er. “Inshallah. Inshallah"

Ein Junge zieht ein Boot in Saryier in der Tuerkei

Der Hafen von Sarieyer ist klein. Fischerboote in mehr oder weniger seetauglichem Zustand (meist weniger), ein paar Yachten. Zwei Jungens legen sich nach dem Baden zum trocknen auf Parkbänke. Sie haben sich am Brunnen gewaschen, als sie mitbekommen das ich Fotografiere posieren sie. Der älteste zeigt mir seine Muskeln. Ich schmunzle in mich hinein. Er hat gerade den ersten Baartwuchs ist vielleicht zwölf. Aber Muckis haben, dass ist wichtig. Männlichkeit spielt hier eine andere Rolle.

Jungen an einem Brunnen in Saryier in der Tuerkei

Langsam schlendere ich weiter. Ein Fischhändler schuppt gerade seinen Fang. Wir lächeln uns an. Die Leute sind hier sehr offen, wenn man offen auf sie zugeht. Es ist anders als in Deutschland. Sehr anders.

Holzhaus in Saryier Tuerkei

Der Hauptstraße folge ich Richtung Berg – vielleicht bekomme ich einen guten Blick über den Bosporus. Links immer wieder alte Holzhäuser. Total heruntergekommen, und doch strahlen sie eine wundervolle Charme aus. Balkone mit kunstvoll geschnitztem Geländer. Ich vermute das von ihnen ursprünglich hier alles voll war.

Hinter einer ausgehängten Tür sitzen rauchend Bauarbeiter. Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Ich möchte ein Foto machen. Der ältere will nicht. Der jüngere fängt sofort an zu tanzen. Wir lachen alle.

Ein Bauarbeiter in der der Tuerkei

Am Berg angekommen gehe ich erst den rechten Weg. Die Abzweigung nach links, den Berg hinauf, habe ich verpasst. Ich komme an eine verlassenes Militärgebäude. Das Wachhaus ist mit Sandsäcken verstärkt. Kein Mensch ist in der brütenden Hitze zu sehen. Das Gebäude liegt direkt am Wasser. Vermutlich zum Schutz der Küste oder so. Fotografieren ist hier strengstens untersagt. Das steht da sogar in Deutsch. Ich schaue auf meine Karte und bin ganz froh, dass es der falsche Weg war. Ich kann natürlich nicht den Bosporus fotografieren wenn ein Schild mit durchgestrichener Kamera im Vordergrund prangt. Und auf den Hinweis “Tourist” wird hier vermutlich derzeit niemand hören.

Eine Frau mit Kopftuch in Saryier Tuerkei

In Serpentinen keuche ich den Berg hinauf. Mittlerweile bin ich bei der vierten Flasche Wasser angelangt. Das ist auch nötig. Der Schweiß lässt meine Arme glitzern. Zum Glück ist diese Hitze trockener als in Deutschland. Trotzdem ist es bescheuert in der Mittagshitze Berge zu erklimmen. Eine Frau mit Kopftuch kommt mir entgegen. Ein Hund im Anhang. “Merhaba!” Wir begrüßen uns und fangen an und minutenlang zu unterhalten. Sie spricht kein Wort deutsch oder englisch. Ich kann nur “Merhabar” auf türkisch sagen. Dies tut unserer Unterhaltung keinen Abbruch. Als sie meine Kamera sieht warnt sie mich das Militärgebäude zu fotografieren. Die Aussicht oben ist gut macht sie mir klar. Nachdem wir uns verabschiedet haben schleppe ich mich den Rest des Berges hoch.

Aussicht auf Istanbul von Saryier

Die Aussicht ist mittelmäßig.