Verirrt in Istanbul

Gerade bin ich eine Dreiviertelstunde durch den Bazaar gelaufen. Mir reicht es langsam. Überall kleine Gässchen in denen Händler ihre Waren anbieten. Mich erinnert das ein klein wenig an Sarajevo, nur in groß. Wirklich groß. Da gibt es die Gasse mit den Kesselmachern. Eine Gasse weiter wird Frauenunterwäsche verkauft. Nur von männlichen Händlern versteht sich. Dann die Gasse mit dem schrottreifen Plastikspielzeug von der ich innbrünstig hoffe, dass mein Neffe sie derzeit nich zu Gesicht bekommt. An einer Kreuzung bleibe ich stehen. Das Licht kommt kaum durch die Dächer so eng sind sie nebeneinander Gebaut. Ein Dönerverkäufer an der Ecke preist mir sein Essen an. Von Links kommt hupen ein Motorrad langgeprescht und rast durch die Menschen. Wer nicht wegspringt hat Pech gehabt.

Ein Handwerker im Bazaarviertel in Istanbul

Verkehr ist hier übrigens ein ganz eigenes Thema. Ich habe ein paar Dinge gelernt: Wer einen Motor hat, der hat automatisch Vorfahrt. Angeschnallt sind nur Ausländer. Helme sind beim Motorradfahrer dafür da sie lässig in der Hand am Gurt zu halten, während man mit der anderen Gas gibt. Wer zu Fuß geht verliert.

Will man z.B. in Istanbul gefahrlos eine Straße überqueren nimmt man sich am besten ein Taxi. Die Methode für Einheimische nennt sich “Frogger”. Wer früher bei diesem Spiel erfolgreich war der wird auch in Istanbul keine Probleme mit dem Verkehr haben.

Bevor ich hierher gefahren bin, hab ich mir Sorgen um die Gefahren aufgrund der Politischen Lage gemacht. Hier angekommen mache ich mir mehr Sorgen um den Verkehr.

Als der Motorradfahrer hupend weitergefahren ist kommt bereits der nächste. Innerlich Fluche ich. Es ist schon ein bisschen verrückt sich darüber aufzuregen.

Etwas weiter gehe ich die Treppe einer engen Steingasse hinauf. Oben komme ich nach ein paar Metern auf eine breitere Straße. Vermutlich ist der Bazaar bald zu Ende. Endlich.

Das scheint die heimliche Waffenkammer Istanbuls zu sein. Helme, Schutzwesten, Pumpguns, Soft-Air-Waffen. Hier gibt es alles was das Milizenherz begehrt. Ich frage mich ob die Waffen alle echt sind, vermute aber dass hier schon die ein- oder andere echte Waffe den Besitzer wechselt. Das sind nicht nur ein oder zwei Läden. Nein, die sind dicht an dicht.

Während ich noch über die Waffen nachdenke komme ich zu einem Eingang. “Grand Bazaar”.

Davor Polizisten, die mit einem Pieper meinen Rucksack absuchen. Der ist so voll mit Elektronik, Akkus und Kameraequipment, dass ich mich Frage ob das Ding überhaupt funktioniert. Vielleicht suchen die auch nur nach Handfeuerwaffen oder so. Aber warum wird dann die Hose nicht mit abgescannt.

Vermutlich bin ich der einzige der sich um diese Sicherheitssimulation ernsthaft Gedanken macht anstatt sich auf den Bazaar zu konzentrieren. Der ist wirklich Eindrucksvoll. fahles Licht fällt durch kleine Öffnungen in der Decke und lässt Staubkörner in den Säulengängen tanzen.

Der Boden ist voll von Mosaik – bis ich den fetten Aufkleber mit QR-Code sehe: “Get the Great Bazaar App here”. Ok, dass muss nicht sein…

Es ist leer. Die Touristen die ich sehe stammen auf dem Arabischen Raum. Europäer fallen mir nicht auf. Die sind alle in den “OH-MEIN-GOTT-DORT-IST-BÜRGERKRIEG”-Modus verfallen und haben ihre Flüge storniert oder hastig das Land verlassen.

Ein alter Mann im Bazaar in Istanbul
Ein alter Mann im Bazaar in Istanbul
Trotz der Pracht des Bazaars mache ich nur ein paar Fotos und suche einen Ausgang. Ich will irgendwo sitzen. Ein bisschen meine Ruhe haben und was Trinken.

Hinter dem Ausgang kaufe ich ein paar Maronen von einem fliegenden Händler. Vor der Universität setze ich mich hin. Unwissend, dass gerade 16000 Professoren entlassen wurden…

Die Universität in Istanbul
Die Universität in Istanbul

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