Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?

Die Aufregung um die Bildbearbeitungen von Steve McCurry ist noch nicht lange her, in den einschlägigen Fotoblogs haben sie hohe Wellen geschlagen. Das Thema ist hochaktuell. Dies ist mein Beitrag zur Blogparade von reisen-fotografie.de mit dem Thema “Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?”

In meinen Augen ist diese gesamte Fragestellung nur für einen Bereich relevant: der dokumentarischen und journalistischen Fotografie. Wenn jemand Kunst macht, dann kann er machen, was er will. Bearbeiten, was das Zeug hält. Das interessiert in meinen Augen nicht. Wer sich aber der journalistischen und dokumentarischen Fotografie unterstellt, der muss auf die Mittel achten.

Für Fotojournalisten hat das Thema bereits erste Konsequenzen:

Ende 2015 hat Reuters beschlossen, keine bearbeiteten RAWs mehr anzunehmen. Akzeptiert werden ausschließlich JPEGs aus der Kamera.

Am Anfang möchte ich einen kurzen Überblick über die zwei wichtigsten Skandale zum Thema geben. Ich werde auch hauptsächlich auf die journalistische Fotografie eingehen.

Der Fall Steve McCurry

McCurry ist vermutlich allen ein Begriff. Das afghanische Mädchen auf dem National Geographic Cover. Ist jetzt klar wer?

Anfang Mai schrieb Petapixel über Bildmanipulationen, die in den Fotos von McCurry entdeckt worden waren: “Botched Steve McCurry Print Leads to Photoshop Scandal”.

Ein paar Wochen später wurde von mehr Manipulationen berichtet: “More Photoshopped Photos Emerge in the Steve McCurry Scandal”.

Nach diesen Artikeln äußerte sich McCurry im Time Magazine:

“I’ve always let my pictures do the talking, but now I understand that people want me to describe the category into which I would put myself, and so I would say that today I am a visual storyteller,” McCurry tells TIME. “The years of covering conflict zones are in the distant past. Except for a brief time at a local newspaper in Pennsylvania, I have never been an employee of a newspaper, news magazine, or other news outlet. I have always freelanced.”

Time.com / Steve McCurry: I’m a Visual Storyteller Not a Photojournalist

Im Juni gipfelte das ganze in dem Petapixel-Artikel, in dem es einerseits um die Manipulation des Bildes für das McCurry bekannt ist, ging: das afghanische Mädchen. Viel interessanter fand ich allerdings folgende Aussage, die Satish Sharma in seinem Blog veröffentlichte und die Petapixel abdruckte:

I am not at all surprised at the digital manipulation (done by him) to create the perfect frame.
I have watched him rig (stage) his pictures. (He) Arranged the subjects (back then) because chromes (slide film) could not be that easily manipulated.

Satish Sharma

Manipulationen bei den World Press Photo Awards

Auch bei den World Press Photo Awards gab es in den letzten Jahren starke Diskussionen über Bildmanipulationen. Beispielsweise wurden die Bildserie “Street fighting, Kiev, Ukraine” von Stepan Rudik disqualifiziert. Hier war nicht der starke Crop ausschlaggebend, sondern dass Teile eines Fußes aus dem Bild retuschiert wurden. Das bearbeitete Bild mit Ursprungsversionen gibt es im Artikel “World Press Photo Disqualifies Winner” von Petapixel.

Und 2014 wurden gar 20% aller Bilder disqualifiziert…

Was ist erlaubt, was nicht?

Hier kommt es auf die Art der Fotografie an. Ist es Kunst? Dann ist alles erlaubt. Das Bild kann verfremdet, bearbeitet und komponiert werden wie beliebt. Und über Bilder mit werblichem Charakter brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Da wird aus einem verbrannten Kuchen für ein Kochbuch mal ganz schnell das schwarze wegretuschiert. Das sollte allen klar sein.

Anders ist und sollte es bei der Dokumentarfotografie und gerade bei der Pressefotografie sein. Aber auch hier gibt es eine Bandbreite. Ist denn ein Reiseblogger ein Dokumentarfotograf und journalistischen Grundsätzen unterworfen?

Wie schaut es bei Bildern in Zeitungen aus?

Der Pressekodex geht in Punkt 2 auf Bildbearbeitungen ein:

2. Sorgfalt
Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Symbolfotos müssen als solche kenntlich sein oder erkennbar gemacht werden.
Wikipedia.org

Aber wo fängt die Bildmanipulation an? Nicht bereits bei der Auswahl des Bildwinkels? Des Objektivs? Des Standortes?

Hierzu kann ich das Projekt “Photojournalism Beind the Scenes” von Ruben Salvadori empfehlen, das mich sehr beeindruckt hat. Die Bilder gibt es auf seiner Webseite.

Hier das Video des Projekts:

Selbst wenn die Bilder also in der Kamera “ohne jegliche Nachbearbeitung” entstanden sind. Was zeigen sie? Die Realität?

Sie zeigen einen subjektiven Blick auf einen Teilausschnitt der Realität. Und in meinen Augen ist es wichtig, dass man sich dieser Subjektivität strengstens bewusst ist. Gerade wenn man sich dem Bereich Dokumentarfotografie zuordnet. So sehr man sich bemüht, man wird nie das “Große Ganze” zeigen, sondern einen Teilausschnitt. Und diesen Teilausschnitt sollte man schon vor Drücken des Auslösers so wählen, dass er nicht zu einseitig ist. Das ist schwer, nicht immer möglich und erfordert Disziplin.

Um zurück zu Steve McCurry zu kommen – McCurry ist bekannt für seine dokumentarischen und fotojournalistischen Arbeiten. Er sagt in den Artikeln, dass diese Zeit längst vorbei ist. Aber ist das den Betrachtern klar?

Ist sein Name nicht eng verknüpft mit der Authentizität von Dokumentarfotos?

Ich finde es zumindest problematisch sich jetzt hinzustellen und zu sagen: Hey, ich bin kein Fotojournalist! Ich bin “Visual Storyteller”!

Und ansonsten? Beschnitt, Kontrast, Aufhellen, Abdunkeln, Weißabgleich, Farbkontraste. Über den Daumen gepeilt: alle Änderungen, die schon problemlos in der Dunkelkammer gemacht wurden und in den 80ern gängig waren. Am Feinkontrast scheiden sich die Geister: Wenn er so aufgedreht wird, dass aus einem laschen Sommerhimmel ein dramatisches Wolkengebilde wird, naja…

Ich persönlich verwende zusehends weniger Zeit auf die Nachbearbeitung. Selten mehr als 15 Sekunden. Warum auch? Ich will schließlich fotografieren.

5 Gedanken zu „Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?

  • Pingback: Wie weit darf Fotobearbeitung gehen?

  • 16. Juli 2016 um 11:49
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    Hallo Jonas,

    erstmal vielen Dank für diesen tollen Artikel zu unserer Blogparade.

    Damit hast Du mir einigen Lesestoff für das Wochenende besorgt. Ich muss gestehen, dass ich die von Dir beschriebenen Fälle so gar nicht kannte bzw. nur am Rande mitbekommen habe.

    Ich unterschreibe die Meinung, das dokumentarische Fotos möglichst nah am originalen Eindruck sein müssen. Daher werden bei meinen Reiseberichten auch keine Dinge aus den Bildern raus retuschiert, eine Bearbeitung vom RAW zum fertigen Bild dauert auch meist nur 10-20 Sekunden.

    Aber, ich achte ja vor Ort schon darauf, dass ich die tolle Landschaft halt ohne den Mülleimer fotografiere, wenn es denn möglich ist. Das ist ja eigentlich auch schon eine Manipulation. Stehen da aber 50 Mülleimer, dann sind sie halt auf dem Bild – kann ja auch schön aussehen, wenn sie nett angeordnet sind.

    Ich selber sehe mich nicht als Journalist, in Bezug auf meinen Hobbyreiseblog. Das wäre mir zu hochgestochen. Ich sehe mich einfach als Blogger. Ein Mensch, der seine eigenen Eindrücke in Wort und Bilder fasst und diese mit ein paar Tipps verseht. Das gilt zumindest für unsere Reiseberichte und Reisetipps. Dabei achte ich schon darauf, dass die Leser unseres Blogs den Ort schon noch erkennen, wenn sie ihn besuchen und vorher unsere Bilder betrachtet haben.

    Im zweiten Bereich auf unserem Blog, der Fotografie und besonders der Tierfotografie, da sehe ich das als Kunst an – hier tobe ich mich gelegentlich kreativ aus. Da wird auch schonmal ein Reisefoto stärker bearbeitet – es ist den Lesern dann aber klar, dass ist jetzt kein dokumentarischer Bericht mehr, hier geht es um Fotobearbeitung.

    LG Thomas

    Antwort
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